FAQ – CSD 2015

Donnerstag 01st, Januar 2015 / 13:16

1. Die Entwicklung des CSD Berlin

1979 fand in Berlin der erste Marsch von Lesben und Schwulen mit Bezug auf den Stonewall-Aufstand in der New Yorker Christopher Street statt. Rund 450 Menschen liefen bei diesem ersten CSD mit. Im Laufe der Jahre gab es wechselnde Organisator*innen und diverse CSD-Streitigkeiten, dennoch wurde der CSD immer größer und hat sich als Demonstration für die Menschenrechte von LSBTI* institutionalisiert. Bereits seit 1996 findet in Kreuzberg zusätzlich ein zweiter CSD statt, der aus dem Kiez heraus organisiert wird.

Seit 1999 organisiert der Berliner CSD e.V. die große Parade, die traditionell vom Ku’Damm ins Regierungsviertel marschiert, sowie die dazugehörige Abschlusskundgebung, das CSD Finale. Im dritten Jahrtausend ist der Berliner CSD mittlerweile auf eine halbe bis eine Million Teilnehmende angewachsen und gehört mit dem Cologne Pride zu den größten in Deutschland.

2. Konflikt von Party und politischer Botschaft: Was feiert ihr bzw. welche politische Botschaft wollt ihr übermitteln?

Der Berliner CSD präsentiert seine jeweiligen aktuellen politischen Forderungen, die jedes Jahr von einem breiten Forum aus den Berliner LSBTI*-Communitys formuliert werden, in einer Kombination aus klassischem Demoaufzug und fröhlich feiernder Parade. Durch diese Form der Demonstration sollen nicht nur die Forderungen, sondern auch die Vielfalt, das Selbstbewusstsein und die Lebensfreude der LSBTI*-Communitys gezeigt und gestärkt werden.
Das Nebeneinander von Politik und Party stellt in unseren Augen keinen Konflikt dar: Politik darf Spaß machen, Party kann politisch relevant sein – CSD ist Infotainment in Demo-Form. Und letztlich ist das öffentliche Feiern des Andersseins und des Anderssein-Dürfens auch ein Statement.

Der Berliner CSD steht jedoch aufgrund seiner Größe und medialen Präsenz auch in der Verantwortung, an der politischen Meinungsbildung mitzuwirken. Selbst hierzulande werden LSBTI* in vielen Bereichen schließlich noch immer als Menschen zweiter Klasse behandelt; Gleichstellung muss mühsam Schritt für Schritt eingeklagt werden. Wir haben daher in den letzten Jahren verschiedene Maßnahmen eingeführt, um die Sichtbarkeit der Inhalte zu stärken: Auf unserer Website bieten wir Plakatmotive zum Download an; Truck-Teilnehmende müssen ihre Bannerflächen zu mindestens 70% für politische Botschaften nutzen; an der Spitze des Zuges befindet sich ein klassisches Demo-Banner; kleinere Community-Gruppen und -Vereine werden ermutigt, auch mit kleineren Fahrzeugen oder Fußgruppen teilzunehmen und bei der Suche nach Kooperationspartner*innen oder Sponsor*innen unterstützt.

3. Was denkt ihr über die Kritik an zu starker Kommerzialisierung von CSDs im Westen generell?

Der Begriff „Kommerz“ ist ein sehr schwieriger, weil er in Bezug auf den CSD kaum allgemeingültig zu definieren ist, sondern oft lediglich ein „Bauchgefühl“ beschreibt. Für viele Menschen ist bereits die Größe des Berliner CSD kommerziell. Mit Größe kommt jedoch auch die Aufmerksamkeit zustande, insbesondere die der Medien, die für die Vermittlung von Forderungen an die Mehrheitsgesellschaft oder die Regierung vonnöten ist.

Für andere liegt der Kommerz in der Sichtbarkeit von Unternehmen. Unternehmen sind jedoch (genauso wie Parteien, Vereine oder kleine Initiativen) Akteure dieser Gesellschaft und Teil der Lebenswirklichkeit von LSBTI*; sie sollten daher genauso ein Zeichen für LSBTI*-Rechte setzen dürfen wie alle anderen. Queere Gruppen von Wirtschaftsbetrieben sind ausdrücklich willkommen – ansonsten dürfen Unternehmen sowieso nicht eigenständig teilnehmen, sondern nur unterstützend als Sponsoren für Community-Vereine auftreten und diesen damit eine größere Sichtbarkeit verschaffen.

Der CSD ist im Übrigen nicht auf Gewinnerzielung ausgelegt – und auch nicht dafür geeignet. Die Teilnahme am Berliner CSD ist kostenfrei. Bei motorisierten Fahrzeugen werden die Kosten je nach Fahrzeuggröße und nach sozialer Staffelung umgelegt.

4. Wie geht der CSD Berlin mit dem Sponsoring/Politik-Verhältnis um (lässt er Werbung zu etc.)?

Werbung auf Fahrzeugen (auch Parteiwerbung) ist nur auf einer Fläche von maximal 30% zulässig – der Rest muss mit politischen Inhalten gefüllt werden. Unternehmen dürfen nur mit eigener LSBTI*-Gruppe oder als Sponsor für ein anderes Community-Projekt teilnehmen. 

5. Wie ist das Motto des CSD 2015?

2015 steht der Berliner CSD unter dem Motto „Wir sind alle anders. Wir sind alle gleich.“

6. Was ist dieses Jahr geplant?

In Zeiten von Pegida und erstarkenden Ausgrenzungstendenzen in unserer Gesellschaft ist es besonders wichtig, ein Zeichen für gesellschaftliche Vielfalt und Akzeptanz zu setzen. Der Berliner CSD e.V. bemüht sich derzeit verstärkt darum, dieses Thema in den Inhalten und auch in der Umsetzung der CSD- Demonstration 2015 besonders zu berücksichtigen.

Strukturell arbeiten wir derzeit an Möglichkeiten, besonders kleineren, gesellschaftspolitisch und intersektionell engagierten Gruppen eine stärkere Präsenz zu ermöglichen. Wir haben in den vergangenen Monaten zu diesen Themen viele Gespräche geführt, sei es mit anderen Vereinen oder Einzelpersonen, und uns über offene Ohren und Arme gefreut. Aus diesen Gesprächen hat sich als Maßnahme eine neue Struktur des Demonstrationszuges entwickelt: Wir reservieren den vorderen Teil der Parade (gleich hinter den beiden Führungswagen) für leisere Teilnehmende – etwa Fußgruppen, Chöre, Kinderwagen, Rikschas, Rolligruppen, Dreiräder, Samba-Bands und Fahrzeuge mit Musikanlagen bis 400 Watt – um besonders den vielen kleinen, graswurzelpolitisch engagierten Vereinen, Initiativen und Projekten zu mehr Sichtbarkeit bei der Parade zu verhelfen. Wir möchten durch dieses strukturelle Angebot diejenigen unterstützen, die sonst akustisch und optisch zwischen den großen Trucks verschwinden. Natürlich wird niemand gezwungen, am Kopf der Parade mitzulaufen bzw. mitzufahren – wir bieten dies nur als Möglichkeit an, die auf Wunsch genutzt werden kann. (Für Fahrzeuge mit Musikanlagen bis 400 Watt gibt es bei der Anmeldung eine Option zur Wahl zwischen den Blöcken, die dann separat ausgelost werden. Nicht-motorisierte Gruppen dürfen sich sowieso unangemeldet einreihen, wo sie wollen.)

Unser Ziel ist, von Jahr zu Jahr einen immer vielfältigeren CSD zu schaffen, mit dem sich möglichst alle Teile der LSBTI*-Community identifizieren können – wir sind optimistisch, dass bereits der CSD 2015 ein großartiges Zeichen für Vielfalt setzen wird.

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