22. Juli 2026

Ein persönlicher Brief an die Community

Ein persönlicher Brief an die Community

Die vergangenen Tage haben uns beschäftigt wie kaum eine andere Zeit während unseres Engagements für den Berliner CSD.

Nicht nur wegen der Debatte um die Teilnahme von Möbel Höffner. Sondern weil sie uns noch einmal vor Augen geführt hat, wie gigantisch die Erwartungen an den Berliner CSD geworden sind. Wir sind längst nicht mehr nur eine Demonstration. Der Berliner CSD ist zu einer Projektionsfläche gesellschaftlicher Konflikte geworden. Von uns wird erwartet, auf nahezu jede politische und gesellschaftliche Frage die richtige Antwort zu finden.

Gleichzeitig organisieren wir eine der größten Demonstrationen Europas mit einem kleinen Team, vielen Ehrenamtlichen und entgegen allen Vorurteilen sehr begrenzten finanziellen Mitteln. Darauf sind wir stolz. Gleichzeitig bedeutet es, dass wir Entscheidungen unter großem persönlichen, finanziellen und zeitlichen Druck treffen und dabei nicht unfehlbar sind.

Was uns zunehmend beschäftigt, ist aber etwas anderes.

Wir verbringen immer mehr Zeit damit, Konflikte innerhalb unserer eigenen Community zu moderieren. Viele Debatten gehören zu einer lebendigen Bewegung und sie sind wichtig. Kritik gehört dazu. Aber wir haben die Sorge, dass wir immer mehr Kraft nach innen richten, während der Druck von außen stetig wächst.

Während sich die Community gegenseitig bekämpft, mobilisieren Rechtsextreme gegen den CSD und damit gegen uns alle. Sie unterscheiden nicht zwischen den vermeintlich „guten“ oder „schlechten“ Queers, nicht zwischen Dyke* March, Trans Pride oder CSD. Ihr Feindbild ist die queere Community als Ganzes. Gleichzeitig erleben queere Menschen Hass, Anfeindungen und Gewalt. Und während dieser Druck wächst, gerät auch unsere Demokratie zunehmend unter Druck. 

Wir als Berliner CSD kämpfen dafür, politische Forderungen sichtbar zu machen, Menschen für unsere Kampagne zu gewinnen und Berlin für die Abgeordnetenhauswahl zu mobilisieren. In der gesamten Stadt wird durch eine gemeinsame Kampagne mit WALL und Ströer dafür geworben, am 20. September demokratische Parteien zu wählen. Wir haben die Berliner Spitzenkandidat*innen zu einer queeren Wahlarena geladen und eine Plattform für direkten Austausch geschaffen. Genau dafür wünschen wir uns, dass wir als Community wieder mehr gemeinsame Energie entfalten.

Die Debatte um die Teilnahme von Möbel Höffner hat in den vergangenen Tagen viel ausgelöst. Das bedauern wir sehr. Unser Ziel war es nie, die AfD-Spende des Gründers zu relativieren. Sie steht im Widerspruch zu unseren Werten. Eine klare Haltung gegenüber der AfD und ihren politischen Zielen ist für den Berliner CSD nicht verhandelbar. Daran hat sich zu keinem Zeitpunkt etwas geändert.

Unsere Abwägung zielte darauf ab, queere Mitarbeitende zu unterstützen, die sich in ihren Unternehmen für Vielfalt und Demokratie einsetzen. Viele Menschen haben diese Entscheidung anders bewertet. Das respektieren wir.

Gleichzeitig haben wir verstanden, dass wir die symbolische Wirkung unserer Entscheidung für viele Menschen unterschätzt haben. Rückblickend hätten wir dazu stärker den Austausch mit den Mitgliedern suchen und mehr Feedback einholen müssen. 

Vertrauen gewinnt man allerdings nicht durch weitere Erklärungen zurück. Vertrauen gewinnt man, indem man zuhört, Konsequenzen zieht und sich weiterentwickelt. Genau das werden wir tun und unsere Teilnahmebedingungen überarbeiten.

Am meisten beschäftigt uns nicht die Kritik an unserer Entscheidung, sondern die Verunsicherung, die sie bei vielen Menschen ausgelöst hat. Wenn Menschen das Vertrauen verlieren, dass der Berliner CSD kompromisslos an ihrer Seite steht, dann schmerzt uns das. Dieses Vertrauen kann man nicht einfordern. Man muss es sich verdienen. Wir sind entschlossen, gemeinsam mit unserem Team genau daran zu arbeiten.

Es wurde in den vergangenen Tagen auch darüber gesprochen, ob es dem Berliner CSD am Ende nur ums Geld geht.

Die Antwort darauf ist nicht einfach: Natürlich braucht ein Berliner CSD in seiner heutigen Größe Unternehmen, die Verantwortung übernehmen und ihn finanziell unterstützen. Ohne diese Unterstützung wäre eine Demonstration dieser Größenordnung kaum noch zu organisieren. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Anforderungen an CSDs stetig steigen: Hochkarätige Künstler*innen, bessere Sanitäranlagen, Inklusionsmaßnahmen, Sicherheit, Awarenessteams, bezahlbare Gastronomieangebote, stetige Kommunikation über Social-Media, während die Organisator*innen zum allergrößten Teil ehrenamtlich Arbeiten und “nebenbei” einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Dadurch entsteht ein immenser finanzieller Druck.

Aber Geld allein ist nicht das entscheidende Kriterium. Unsere Aufgabe ist es, immer wieder neu abzuwägen, welche Partnerschaften mit unseren Werten vereinbar sind. Das tun wir, auch wenn diese Entscheidungen in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft immer schwieriger werden.

Wir wünschen uns Unternehmen und queere Mitarbeitenden-Netzwerke, die Haltung zeigen. Nicht, weil sie fehlerfrei sind, sondern weil sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sich weiterzuentwickeln und für Vielfalt einstehen. Wir glauben daran, dass gesellschaftliche Veränderung auch am Arbeitsplatz beginnt. Dort verbringen wir einen großen Teil unseres Lebens. Dort entstehen queere Netzwerke. Dort erleben Menschen Unterstützung oder aber Diskriminierung. Deshalb freuen wir uns über Unternehmen, die sich nicht nur finanziell engagieren, sondern sich glaubwürdig für Vielfalt, Demokratie und die Rechte queerer Menschen vor allem in ihren eigenen Reihen einsetzen.

Nicht jede Entscheidung wird alle überzeugen. Und wir hoffen, dass wir uns trotz unterschiedlicher Meinungen nicht gegenseitig verlieren. Wir wünschen uns, dass wir auch den Menschen mit Empathie begegnen, die in unserer Community Verantwortung übernehmen und sich nach bestem Wissen und Gewissen und oft unter starker Belastung ihrer psychischen und physischen Gesundheit und ihres Privatlebens für unsere gemeinsamen Ziele einsetzen.

Denn die eigentliche Auseinandersetzung findet nicht zwischen uns statt. Sie findet mit denen statt, die unsere Rechte einschränken, unsere Sichtbarkeit angreifen und unsere Demokratie schwächen wollen.

Gerade deshalb braucht Berlin einen starken CSD.

Lasst uns am kommenden Wochenende gemeinsam Haltung zeigen für ein weltoffenes, vielfältiges und solidarisches Berlin. Lasst uns den Berliner CSD und alle anderen Community-Formate nutzen, um sichtbar zu machen, was unsere Community ausmacht: Zusammenhalt, Solidarität und den Mut, Haltung zu zeigen. Und lasst uns am 20. September demokratisch wählen. Denn die Zukunft unserer Regenbogenhauptstadt entscheidet sich nicht in Kommentarspalten, sondern auch an der Wahlurne.

Haltung ist hot.



Der Vorstand des Berliner CSD e. V.

Foto: Berliner CSD e. V. Vorstand, Nikita Tchernodarov